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#7thesen: Ich hör´ die News

Oktober 27, 2017

Zum dritten Mal in Folge habe ich die Medientage München, Europas größten Medienkongress, besucht. Über 7000 Medienmenschen tauschten sich über das sperrig anmutende Thema „Media. Trust. Machines – Vertrauen in der neuen Mediengesellschaft“ aus. 

Überraschenderweise wurde in diesem Jahr viel über den Ist-Zustand der Branche diskutiert, ohne große Blicke in die Zukunft zu geben. Vielleicht aber auch besser so: Wurde Snapchat im letzten Jahr als „the next big thing“ verkauft, war davon mittlerweile überhaupt keine Rede mehr.

Traditionellerweise muss man mittlerweile sagen, fasse ich die wichtigsten Punkte, die sich durch alle Diskussionen, Vorträge und Panels ziehen im Anschluss an die Veranstaltung in #7thesen zusammen.

1. „Alexa, erzähl mir die Highlights“

Sich Informationen, Unterhaltungen oder Anfragen per Lautsprecher ansagen zu lassen, das halten viele Nutzer für eine gute und bequeme Angelegenheit. Sprachassistenten sind in der digital vernetzten Welt weitaus mehr als nur ein weiterer Abspielkanal für die Audiokanäle der Medienhäuser. Auch, wenn laut Google und Microsoft, die Technik noch in Kinderschuhen steckt, ist viel möglich: Sprachassistenten eignen sich etwa besonders gut für News. In Deutschland gilt NTV als einer der First Mover in diesem Bereich. Besonders, wenn Sprachassistenten demnächst auch Bildschirme bekommen sollen, wird die Bespielung durch Medieninhalte zunehmend wichtiger und interessanter.

2. Fake News sind fake

Professionelle und gezielte Falschinformationen stellen für den Journalismus eine Herausforderung dar. Allerdings scheint die Zahl der Menschen, die für Fake News anfällig sind, eher gering zu sein. Nach Erkenntnissen einer Studie von Prof. William H. Dutton (Michigan State University, im Auftrag von Google) bestimmen vor allem das individuelle Ausmaß des Interesses an Politik und die Internet-Nutzungskompetenz, ob Menschen auf Fake News hereinfallen. Demnach seien je nach Land (sieben Länder wurden untersucht, darunter DE und USA) nur ein bis vier Prozent der Bevölkerung anfällig für Falschnachrichten. „Die Reaktionen waren zwei bis drei Spuren zu panisch“, stellte auch Daniel Drepper, Chefredakteur von BuzzFeed Deutschland, fest. Außerdem sei man sich einig, dass es nichts bringe, alle Fake News durch journalistische Richtigstellung auszugleichen.

3. Streaming vs. „klassisches TV“

Im linearen Fernsehen waren es einst die großen Shows und fiktionalen Unterhaltungsformate, zu denen sich die gesamte Familie zum gemeinsamen Lagerfeuer – quasi dem „analogen Social TV“– vor dem Fernsehgerät versammelte. Michael Kollatschny von Endemol Shine Beyond Germany, empfindet die heutige Parallelnutzung eher als Chance denn als Bedrohung: „Auch die moderne Familie konsumiert die Bewegtbilder gemeinsam, wenn auch auf unterschiedlichen Devices“.

Interessant ist auf jeden Fall, dass die Nutzerzahlen beim linearen TV konstant bleiben, On Demand-Nutzung wird zusätzlich in das Medienzeitbudget der Rezipienten aufgenommen. Deshalb sehen die meisten Medienunternehmer, die Streamingdienste auch nicht als Konkurrenz zu ihren TV-Inhalten.

Spannende Einblicke gab es von Quirin Berg, der mit seiner Produktionsfirma die erste deutsche Netflix-Serie („Dark“, ab 01.12.) produziert. Er führte aus, dass sich die Produktion von Inhalten für das lineare Fernsehen von der für Streamingdienste bereits in der Projektplanung grundlegend unterscheide.

Bei der Produktion für das Broadcasting schaue man sich bestehende Sendeplätze an und wisse dann, „welche Inhalte wie funktionieren“. Bei Aufträgen für Content, der gestreamt werde, müsse er zunächst eine Idee für den Inhalt entwickeln, der funktioniere.

4. Wer gegen wen?

Während Netflix jetzt auch mit einer Eigenproduktion in den deutschen Markt einsteigt, ist die Frage der Konkurrenz noch nicht ganz geklärt. War es lange Zeit das Duell Öffentlich-Rechtliche vs. Private, ist es jetzt die Frage, ob dieser intranationale Wettkampf Sinn macht, wenn die Konkurrenz plötzlich aus der ganzen Welt kommt.

Christof Wahl, Digitalvorstand und Chief Operating Officer der ProSiebenSat.1 Group, bezeichnete die Rolle von Google und Facebook in diesem Zusammenhang als „Frenemy“, also als Mischung aus Freund (Friend) und Feind (Enemy): Einerseits könnten sie für Medienunternehmen Reichweite generieren, andererseits würden sie den Werbemarkt dominieren.

Copyright: Medientage München

Copyright: Medientage München

Anke Schäferkordt, Geschäftsführerin der Mediengruppe RTL Deutschland, deutete die Folgen der digitalen Transformation als „Segen und Fluch“. Wenn deutsche Unternehmen in diesem Wettbewerb mithalten sollten, sei eine schnelle Entscheidung in puncto Plattformregulierung erforderlich. Außerdem müssten mehr Allianzen und Kooperationsmöglichkeiten erlaubt sowie Datenschutz und Werberegulierung liberalisiert werden.

Doch gerade im öffentlich-rechtlichen Bereich ist auch viel zu tun, eine Neudefinition der Aufgaben sei dringend notwendig, ist sich die Branche einige. Oft wird auch gefordert, ARD und ZDF mögen sich auf ihre Kerngebiete, den Rundfunk spezialisieren. „Medienunternehmen die Nutzung bestimmter Verbreitungswege zu verbieten, das sei jedoch für deren Konkurrenzfähigkeit hinderlich“, sieht Reinhard Scolik, Fernsehdirektor des Bayerischen Rundfunks, das anders. In vielen Bereichen merkt man aber, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk überhaupt mit der Digitalisierung immer noch überfordert ist. Gerade der ARD-Unterhaltungschef und Song Contest-Verantwortliche Thomas Schreiber machte das bei einer Diskussion deutlich:

5. Content bleibt King

Bei den TV-Sendern ist man sich so sicher, dass die Konkurrenz nicht von Streamingdiensten ausgeht, weil es schließlich immer noch um die Sendungen und Programme geht: „Um den Nagel auf den Kopf zu treffen, zählt der Inhalt, der einen Zuschauer an die Marke bindet“, sagte VOX-Geschäftsführer Bernd Reichart.

Wichtig sei es, für jede Plattform eigenen Inhalt zu produzieren. Das Schönste, das ich in diesem Zusammenhang lernen konnte:

Nur durch das Hinterfragen des eigenen Tuns werde es gelingen, sich mit eigenen Angeboten und Inhalten gegen die weiter anschwellende Flut konkurrierender Formate durchzusetzen, wie aus der Strategie von CNN (und dessen Executive Producer Vivek Kemp) hervorgeht. „Oder mit anderen Worten: Content bleibt King.“

6. Viral wird schwerer

Um Videos im Internet erfolgreich zu machen, müssen sie Emotionen auslösen. Wichtig ist dabei, dass genau abgestimmt ist, wen man erreichen will, sonst gehen Effekte in die andere Richtung: „Willst du alle erreichen, erreichst du keinen mehr“, sagte etwa Social Media-Expertin Franzi von Kempis.

Zunehmend wird es dabei schwieriger, noch große Hits im Internet zu landen. Das Engagement, die „digitale Währung“, geht zunehmend auf sozialen Netzwerken zurück. Grund dafür sieht Chirstoph Tielecke (Unruly Media) in einem „Contentschock“, ein massives Überangebot an Inhalten, in dem die Orientierung für die Nutzer zunehmend schwieriger wird.

7. Audience First

Das alles funktioniert nur, wenn man das Publikum ins Zentrum des Handels rückt und es nicht mehr bevormundet. Michael Kollatschny: „Wir müssen runter vom Sender- und Produzentenross, der Zuschauer weiß, was/wann/wo und wie er Inhalte konsumieren will“

Steven Oh, Chief Business Officer von The Young Turks, einem YouTube Channel für „Young Digitals“ (knapp 3,5 Millionen Abonnenten), der durch eine Newsshow berühmt wurde, bringt das Publikum in den Mittelpunkt: „Unser Publikum ist Lieferant von Inhalten und unterstützt uns zusätzlich finanziell. Ich denke, dass das durch unseren Ansatz ‚audience first‘ zu erklären ist“, äußerte sich Oh und betonte, der Zuschauer werde Teil der unternehmerischen Tätigkeit, trage so zum Vertrauen in die Inhalte und die wachsende Reichweite innerhalb von The Young Turks bei. „Dieser Ansatz werde Zukunft haben.“

Reges Treiben: Insgesamt über 7000 Besucher

Reges Treiben: Insgesamt über 7000 Besucher


Insgesamt waren die #mtm17 wieder sehr intensive Tage und wie immer sind diese #7Thesen nur Trends, die im nächsten Jahr schon wieder falsifiziert werden können. Spannend ist es, die Erkenntnisse mit den Ergebnissen der letzten beiden Jahre (2016) zu vergleichen, weil es besonders in diesem Jahr viele Parallelen zu 2015 gab. 

Und sonst ist alles gesagt, 2018 geht´s weiter. 

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